„Ich müsste doch …“ – wenn der innere Druck immer lauter wird

„Ich müsste mich einfach besser konzentrieren.“
„Ich dürfte nicht so chaotisch sein.“
„Andere bekommen das doch auch hin.“
„Ich müsste mich nur mehr anstrengen.“
Solche Sätze begegnen mir in meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen immer wieder. Besonders Jugendliche mit ADHS können sehr genau wissen, was von ihnen erwartet wird – und trotzdem erleben, dass sie dieses Wissen nicht jederzeit in entsprechendes Handeln umsetzen können.
Das kann anstrengend sein. Und irgendwann entsteht aus einem „Das fällt mir schwer“ möglicherweise ein ganz anderer Gedanke:
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
Genau an dieser Stelle lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Drei innere Bilder: Ist-Ich, Wunsch-Ich und Druck-Ich
Ein hilfreiches Modell – angelehnt an einen Beitrag aus der ADHS-Community - unterscheidet drei Perspektiven:
💚 Das Ist-Ich:So erlebe ich mich tatsächlich.
🌱 Das Wunsch-Ich:So möchte ich mich entwickeln. Das ist mir wichtig.
⚡ Das Soll- oder Druck-Ich:So glaube ich, sein zu müssen.
Zwischen diesen drei Bildern darf es Unterschiede geben. Schließlich gehört es zum Leben, Wünsche, Ziele und Vorstellungen von der eigenen Entwicklung zu haben.
Belastend kann es werden, wenn der Abstand sehr groß erlebt wird – wenn also das Gefühl entsteht:
„So, wie ich bin, reicht es nicht.“
Die Ausgangsserie, auf der meine begleitenden Coachingmaterialien basieren, beschreibt genau diesen inneren Vergleich als möglichen zusätzlichen Belastungsfaktor bei ADHS.
Wenn aus Schwierigkeiten ein Urteil über die eigene Person wird
Ein Jugendlicher vergisst seine Materialien.
Eine Jugendliche sitzt vor den Hausaufgaben und findet keinen Anfang.
Jemand kann sich zwei Stunden intensiv mit seinem Interessengebiet beschäftigen – und schafft es am nächsten Tag kaum, zehn Minuten bei einer Schulaufgabe zu bleiben.
Von außen wirkt dieses Verhalten manchmal widersprüchlich.
Und genau hier können Sätze entstehen wie:
„Du kannst es doch.“„Jetzt konzentrier dich einfach.“„Du könntest das, wenn du dich mehr anstrengst.“
Beim Jugendlichen kann daraus irgendwann werden:
„Ich müsste das doch können.“
Das Problem ist dann nicht mehr nur die ursprüngliche Herausforderung. Zusätzlich entsteht innerer Druck.
Die hochgeladene Ausgangsserie beschreibt als mögliche Verstärker unter anderem wiederholte Kritik und Korrekturen, den Vergleich mit scheinbar müheloseren anderen, hohe eigene Ansprüche, inkonsistent erlebte Leistungsfähigkeit und ständiges Kompensieren bzw. Masking.
Was Erwachsene sehen – und was dahinter stecken kann
Das ist für mich im Lerncoaching eine besonders wichtige Perspektive.
Wir sehen vielleicht:
Aufschieben. Chaos. Rückzug. Ablenkbarkeit. Vermeidung. Eine heftige Reaktion. „Keine Lust.“ Oder ein scheinbar gleichgültiges „Ist mir doch egal.“
Aber Verhalten erzählt nicht automatisch, was im Inneren eines jungen Menschen passiert.
Dahinter können beispielsweise Überforderung, ein hoher eigener Anspruch, Angst vor Fehlern oder Kritik, Schwierigkeiten mit Planung und Organisation, Erschöpfung oder fehlende passende Strategien stehen.
Das kleine Wort „können“ ist dabei entscheidend.
Wir kennen die Bedeutung eines Verhaltens erst, wenn wir dem jungen Menschen Gelegenheit geben, seine eigene Perspektive einzubringen.
Ein hoher Anspruch ist nicht grundsätzlich das Problem
Es geht nicht darum, Jugendlichen Ziele, Ehrgeiz oder Leistungsbereitschaft auszureden.
Ein Wunsch-Ich kann sogar eine wunderbare Kraft entfalten:
„Da möchte ich hin.“
Ein hartes Druck-Ich klingt anders:
„Da habe ich längst sein zu können.“
Der Unterschied liegt für mich vor allem darin, wie ein junger Mensch mit sich selbst auf dem Weg zum Ziel umgeht.
Deshalb arbeite ich im Coaching gern mit einem inneren Druckregler von 1 bis 10.
Nicht mit dem Ziel, ihn auf null zu drehen.
Viel interessanter sind Fragen wie:
Wo steht dein Regler gerade?
Was dreht deinen Druck hoch?
Was macht ihn ein wenig leiser?
Was hilft dir bereits?
Woran würdest du einen kleinen Unterschied bemerken?
Manchmal reicht zunächst eine Bewegung von 8 auf 7.
Aus „Ich müsste“ kann eine hilfreichere Frage werden
Ein besonders wirkungsvoller Schritt besteht darin, Drucksätze überhaupt erst wahrzunehmen.
Aus
„Ich müsste mich endlich besser konzentrieren.“
kann beispielsweise werden:
„Unter welchen Bedingungen kann ich mich leichter konzentrieren?“
Aus
„Ich müsste organisierter sein.“
wird:
„Welche Struktur könnte mir gerade helfen?“
Aus
„Ich dürfte keine Fehler machen.“
wird:
„Was hilft mir, nach einem Fehler weiterzumachen?“
Und aus
„Ich müsste funktionieren wie die anderen.“
kann eine ganz andere Frage entstehen:
„Was funktioniert für meinen Kopf gut?“
Damit verändert sich etwas Wesentliches: Nicht mehr die Person steht als vermeintliches Problem im Mittelpunkt, sondern die Suche nach passenden Bedingungen und hilfreichen Strategien.
Was Eltern konkret tun können
Eltern können diesen Prozess unterstützen, ohne alle Schwierigkeiten ihres Kindes aus dem Weg räumen zu können.
Hilfreich kann beispielsweise sein, gemeinsam realistische Erwartungen zu entwickeln, kleine Erfolge wahrzunehmen, Aufgaben überschaubarer zu strukturieren, Pausen und Bewegung einzubeziehen, Stärken und Interessen ernst zu nehmen und bei Planung oder Organisation dort Unterstützung anzubieten, wo sie tatsächlich gebraucht wird.
Auch Sprache kann einen Unterschied machen.
Statt:
„Du könntest das doch, wenn du dich mehr anstrengst.“
könnte die Frage lauten:
„Was würde dir den Einstieg erleichtern?“
Statt:
„Jetzt konzentrier dich doch mal!“
vielleicht:
„Was hilft deinem Kopf gerade beim Fokussieren?“
Und statt des Vergleichs mit anderen:
„Welche Art zu lernen funktioniert für dich?“
Das bedeutet nicht, Anforderungen abzuschaffen.
Es bedeutet, gemeinsam nach Wegen zu suchen, auf denen ein junger Mensch handlungsfähiger werden kann.
Mehr Passung – weniger Kampf gegen sich selbst
Eine der Kernaussagen der Ausgangsserie gefällt mir besonders: Ziel ist nicht einfach weniger Anspruch, sondern mehr Passung.
Genau darin liegt auch für mich ein wichtiger Teil von Lerncoaching.
Nicht:
„Wie werde ich endlich so, wie ich sein müsste?“
Sondern beispielsweise:
„Was brauche ich, damit Lernen besser zu mir passt?“
„Was kann ich bereits?“
„Welche Strategie funktioniert für mich?“
„Welcher kleine Schritt bringt mich meinem Ziel näher?“
Ein Jugendlicher braucht nicht weniger Zutrauen in seine Fähigkeiten.
Er braucht an manchen Stellen weniger zusätzlichen Druck, mehr Verständnis für die eigene Funktionsweise und Bedingungen, unter denen seine Fähigkeiten tatsächlich zugänglich werden.
Und aus diesen neuen Perspektiven, Fragen und Ansätzen entwickeln sich Räume zum Wachsen.
Aus „Ich müsste doch …“ wird langsam
„Ich kann meinen eigenen Weg finden.“
© Bildungshaus Seevetal · Marlies Ellhardt-Kohn · 2026



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