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Wenn Übergänge Kraft kosten

  • Autorenbild: Marlies Ellhardt-Kohn
    Marlies Ellhardt-Kohn
  • 13. Aug.
  • 5 Min. Lesezeit

Ein guter Schulstart darf Zeit brauchen

Die Ferien sind vorbei. Der Wecker klingelt wieder früh, die Schultasche steht bereit und innerhalb weniger Tage ist er zurück: der Schulalltag.


Von außen sieht das oft ganz unkompliziert aus.

Ferienmodus aus. Schulmodus an.


Für manche Kinder und Jugendliche funktioniert dieser Wechsel recht schnell. Für andere bedeutet er eine enorme Anpassungsleistung.


Gerade sensible und neurodivergente junge Menschen erleben Übergänge häufig intensiver. Vertraute Abläufe verändern sich, neue Anforderungen kommen hinzu und vieles, was in den Ferien selbstverständlich geworden ist, funktioniert plötzlich anders.


Deshalb möchte ich im dritten Teil unserer Schulstartserie den Blick auf diejenigen richten, für die Veränderungen besonders viel Kraft kosten können.


Ein Schulstart besteht aus vielen kleinen Übergängen


Wenn wir an den ersten Schultag denken, sehen wir meist einen großen Übergang:

Ferien vorbei. Schule beginnt.


Tatsächlich stecken darin viele einzelne Veränderungen.


⏰ Früher aufstehen

🎒 Morgens wieder pünktlich fertig sein

🏫 Zurück in ein volles Schulgebäude

👩‍🏫 Andere Lehrkräfte

📚 Ein neuer Stundenplan

🪑 Neue Räume oder Sitzplätze

👥 Neue Mitschülerinnen und Mitschüler

🔔 Feste Pausen und Unterrichtszeiten

📝 Hausaufgaben und Termine

🚌 Schulwege und Busfahrpläne

🔊 Mehr Geräusche und andere Sinneseindrücke

💬 Viele soziale Begegnungen


Jeder einzelne Punkt klingt zunächst überschaubar.

In der Summe kann daraus eine beachtliche Anpassungsleistung entstehen.


Wenn das Nervensystem erst einmal sortieren darf


Menschen unterscheiden sich darin, wie sie Veränderungen, Reize und neue Situationen verarbeiten.


Ein Kind freut sich auf die neue Klasse und findet sich nach einem Tag zurecht.


Ein anderes braucht deutlich länger, bis der neue Raum, die Menschen, Geräusche und Abläufe vertraut geworden sind.


Beides darf sein.


Gerade bei neurodivergenten Kindern und Jugendlichen können Veränderungen, unklare Situationen, viele Sinneseindrücke oder hohe soziale Anforderungen zusätzliche Energie beanspruchen.


Das bedeutet nicht automatisch, dass etwas „nicht funktioniert“.

Es kann schlicht bedeuten:


Hier passiert gerade sehr viel gleichzeitig.

Verhalten lädt schnell zu vorschnellen Urteilen ein. Hilfreicher ist es, genau hinzusehen, aufmerksam zuzuhören und gemeinsam herauszufinden, was gerade gebraucht wird.


Was wir sehen, ist nicht immer das, was dahintersteckt


  • Nach einem Schultag kommt ein Kind nach Hause und ist gereizt.

  • Ein Jugendlicher möchte erst einmal mit niemandem sprechen.

  • Die Schultasche landet im Flur und schon die Frage nach den Hausaufgaben löst Widerstand aus.

  • Ein anderes Kind wirkt völlig erschöpft.


Schnell entstehen Gedanken wie:

„Die Schule hat doch gerade erst angefangen.“

„So anstrengend kann der Tag doch noch gar nicht gewesen sein.“

Oder:

„Jetzt geht das schon wieder los.“


Hier lohnt sich ein anderer Blick.

Was könnte dieser junge Mensch gerade brauchen, um wieder bei sich anzukommen?


Diese Frage verändert die Perspektive.

Aus Bewertung wird Neugier. Und aus Neugier kann Verständnis entstehen. Erst ankommen, dann weitermachen


Nach einem langen Schultag direkt die nächste Anforderung zu stellen, kann gerade in der ersten Zeit zu viel sein.


Eine kleine Ankommenszeit kann helfen.

  • Für ein Kind bedeutet das Bewegung.

  • Für ein anderes Ruhe.

  • Eines möchte erzählen.

  • Ein anderes braucht erst einmal Stille.

  • Manche essen etwas, hören Musik, gehen mit dem Hund raus, schaukeln im Garten oder ziehen sich in ihr Zimmer zurück.


Hier gibt es kein allgemeingültiges Rezept.


Eine schöne Frage an Kinder und Jugendliche lautet:


„Was hilft dir nach der Schule, wieder aufzutanken?“


Die Antworten können erstaunlich konkret sein.


Vertrautes gibt Halt


In Zeiten großer Veränderung können kleine Konstanten besonders wertvoll werden:

  • das vertraute Frühstück,

  • der gleiche Ablauf am Morgen,

  • die Lieblingsmusik auf dem Schulweg,

  • ein fester Platz für die Schulsachen,

  • der Sportverein am Nachmittag,

  • eine kurze gemeinsame Zeit am Abend.


Solche Routinen nehmen nicht jede Herausforderung weg. Sie schaffen jedoch Orientierung in einem Alltag, in dem gerade vieles neu ist.


Auch eine übersichtliche Umgebung, Pausen, Bewegung und verlässliche Beziehungen können dazu beitragen, dass Lernen und Alltag leichter gelingen.


Sichtbar machen, was als Nächstes kommt


Was vorhersehbar ist, lässt sich häufig leichter bewältigen.

Gerade zu Beginn des Schuljahres kann es deshalb entlasten, Abläufe sichtbar zu machen.


  • Ein Wochenplan zeigt, wann Sport stattfindet.

  • Der Stundenplan bekommt einen festen Platz.

  • Die Schultasche wird zu einer passenden Tageszeit vorbereitet.

  • Besondere Termine werden früh eingetragen.

  • Bei jüngeren Kindern helfen Symbole oder Farben.

  • Ältere Jugendliche nutzen Kalender, Apps oder eigene Checklisten.


Das Ziel ist dabei nicht perfekte Organisation.

Es geht um Orientierung.


Ein übersichtlicher und planbarer Alltag kann dabei helfen, weniger Dinge gleichzeitig im Kopf behalten zu brauchen.


Weniger Fragen können manchmal mehr sein


Wir Erwachsenen interessieren uns für den ersten Schultag.

Natürlich möchten wir wissen:


Wie war es?

Wer sitzt neben dir?

Wie sind die neuen Lehrerinnen und Lehrer?

Was habt ihr gemacht?

Was gibt es als Hausaufgabe?


Für einen Kopf, der gerade sehr viele Eindrücke verarbeitet, kann selbst dieses freundliche Interesse anstrengend sein.


Dann darf ein:

„Schön, dass du wieder da bist. Komm erst einmal an.“

für den Moment vollkommen ausreichen.


Gespräche können später entstehen; beim Essen, beim Spazierengehen, im Auto oder abends, wenn der Tag innerlich etwas sortierter ist.


Nicht jede Hilfe fühlt sich hilfreich an


Gerade bei älteren Kindern und Jugendlichen lohnt es sich, Unterstützung nicht einfach festzulegen.


Statt direkt einen fertigen Plan vorzulegen, können Fragen mehr Raum öffnen:


„Was könnte dir helfen, damit du morgens weniger im Kopf behalten brauchst?“

„Welche Stelle im Tagesablauf kostet dich gerade besonders viel Kraft?“

„Was könnte diese Stelle ein kleines bisschen leichter machen?“


Damit bleiben Kinder und Jugendliche beteiligt.


Sie können ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen, Ideen entwickeln und mitentscheiden, welche Unterstützung für sie tatsächlich hilfreich ist.

Ein kleiner Übergangscheck


Für Familien kann es hilfreich sein, nach den ersten Schultagen gemeinsam zu schauen:

🌿 Was funktioniert schon gut?

🌿 Was kostet im Moment besonders viel Energie?

🌿 Was hilft dir beim Ankommen?

🌿 Welche vertraute Routine tut dir gut?

🌿 Wo wäre weniger gerade angenehmer?

🌿 Was könnte den nächsten Schultag ein kleines Stück leichter machen?


Es geht dabei nicht darum, alles sofort zu lösen.

Schon das Wahrnehmen kann entlasten.


Ein guter Start braucht kein bestimmtes Tempo


Der eine kommt nach zwei Tagen wieder im Schulrhythmus an.

Die andere braucht zwei Wochen.


Und manche Übergänge bleiben noch eine ganze Weile anstrengend.

Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse, unterschiedliche Ressourcen und ihr eigenes Tempo.


Gerade bei sensiblen und neurodivergenten Kindern und Jugendlichen lohnt sich deshalb ein Blick, der nicht nur fragt, ob etwas funktioniert, sondern auch wahrnimmt, wie viel Kraft dieses Funktionieren gerade kostet.


Das ist ein Unterschied, den wir von außen leicht übersehen.


Mein Schulstart-Impuls für dich


Wenn dein Kind in diesen ersten Schulwochen erschöpfter, stiller, unruhiger oder schneller gereizt wirkt, kann eine hilfreiche Frage lauten:


„Was würde dir helfen, damit sich dein neuer Alltag ein kleines bisschen leichter anfühlt?“


Und dann kommt wieder etwas, das sich durch unsere gesamte Schulstartserie zieht:

ZUHÖREN


Nicht sofort lösen.

Nicht gleich bewerten.

Erst einmal verstehen.


Denn ein gelungener Übergang bedeutet nicht, möglichst schnell wieder zu funktionieren.


Er bedeutet, Schritt für Schritt im neuen Alltag anzukommen und einen eigenen guten Weg darin zu finden.


Ich wünsche euch einen Schulstart mit Zeit zum Ankommen, verlässlichen Inseln im Alltag und Menschen, die aufmerksam wahrnehmen, was gerade guttut.


Herzliche Grüße

Marlies Ellhardt-Kohn

Bildungshaus Seevetal

© Bildungshaus Seevetal · Marlies Ellhardt-Kohn · 2026

 
 
 

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