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Dein Ziel hinter dem Nebel: Was möchtest DU in diesem Schuljahr erreichen?

  • Autorenbild: Marlies Ellhardt-Kohn
    Marlies Ellhardt-Kohn
  • vor 6 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit


Ein neues Schuljahr beginnt. Neue Hefte, neue Stundenpläne, vielleicht neue Lehrkräfte, neue Fächer und ziemlich schnell taucht auch die Frage auf:


„Was möchtest du in diesem Schuljahr erreichen?“


Eine bessere Note in Mathe? Mehr Vokabeln lernen? Früher mit dem Lernen beginnen? Alles mögliche Ziele. Aber vielleicht starten wir diesmal ganz anders. Nicht mit der Frage, was besser werden könnte, sondern mit einer viel persönlicheren:


„Was wäre DIR in diesem Schuljahr wirklich wichtig?“


Nicht deinen Eltern, nicht deinen Lehrkräften, nicht deinen Freunden.

Dir.

Ein Ziel darf nur für dich wichtig sein


Wir verbinden Ziele häufig mit Leistung. Schneller, weiter, höher, besser. Gerade in der Schule liegt der Gedanke nahe, dass ein gutes Ziel am Ende ein sichtbares Ergebnis braucht: Eine bessere Note, ein gutes Zeugnis, mehr Punkte.


Aber persönliche Ziele können auch ganz anders aussehen.


Vielleicht möchtest du dich endlich trauen, dich häufiger zu melden. Vielleicht möchtest du morgens entspannter in den Schultag starten. Vielleicht wäre es dir wichtig, bei einem Fehler nicht sofort zu denken: „Ich kann das nicht.“


Vielleicht möchtest du herausfinden, wie Lernen für dich leichter funktioniert. Vielleicht möchtest du jemanden in deiner neuen Klasse kennenlernen.

Oder du möchtest nach der Schule noch genügend Energie für die Dinge haben, die dir Freude machen.


Das Spannende daran:

Vielleicht bemerkt niemand, dass du dein Ziel erreicht hast. Aber du bemerkst es.


Und genau das kann ein richtig gutes Ziel sein.


Was zieht mich wirklich?


Im Lernkontext ist für mich deshalb nicht nur interessant, welches Ziel ein Kind oder Jugendlicher nennt, viel spannender ist, was dahintersteckt.


  • Was zieht mich zu diesem Ziel?

  • Was würde sich dadurch für mich verändern?

  • Wie möchte ich mich fühlen?

  • Was wäre daran für mich persönlich wichtig?


Denn Motivation lässt sich nicht einfach von außen anschalten. Persönliches Interesse, eigene Bedürfnisse, Werte und Dinge, die uns wirklich bedeutsam erscheinen, können dagegen einen starken inneren Antrieb entwickeln.


Ein „Ich möchte eine Zwei in Englisch“ kann deshalb ein Ziel sein, eventuell steckt dahinter aber etwas ganz anderes:


„Ich möchte im nächsten Urlaub endlich selbst etwas auf Englisch bestellen können.“ Oder:

„Ich möchte im Unterricht öfter verstehen, worum es geht.“

Oder:

„Ich möchte erleben, dass ich etwas schaffen kann, das mir bisher schwergefallen ist.“


Plötzlich bekommt das Ziel eine persönliche Bedeutung.

Wenn das Ziel im Nebel verschwindet


Dazu gibt es eine Geschichte, die ich sehr eindrücklich finde und in einem Buch zu Zielplanungen gefunden habe:


1952 wollte die amerikanische Langstreckenschwimmerin Florence Chadwick von der Insel Catalina zur kalifornischen Küste schwimmen. Die Bedingungen waren schwierig. Das Wasser war kalt und dichter Nebel lag über dem Meer.


Viele Stunden schwamm sie weiter. Nach ungefähr 15 Stunden bat sie schließlich darum, aus dem Wasser geholt zu werden. Kurz darauf erfuhr sie, dass sie nur noch ungefähr eine halbe Meile von der Küste entfernt gewesen war. Das Ziel war ganz nah.


Sie konnte es nur nicht sehen.


Dieses Bild gefällt mir für unsere Kinder und Jugendlichen, denn manchmal fühlt sich ein Schuljahr genauso an.


Man startet mit einer Idee und irgendwann kommt der Nebel:


  • eine schlechte Arbeit,

  • ein Streit,

  • ein Thema, das überhaupt nicht klappt,

  • keine Lust,

  • zu viele Aufgaben,

  • oder einfach ein Tag, an dem alles anstrengend ist.


Dann kann es helfen, sich wieder daran zu erinnern:

Wo wollte ich eigentlich hin?

Und vor allem:

Was war mir daran wichtig?


Ziele brauchen keinen Druck. Sie brauchen Richtung.


Ein persönliches Ziel ist kein Vertrag. Es darf verändert werden, kleiner werden und auch einmal zwischendurch pausieren. Und manchmal entdecken wir unterwegs sogar, dass ein anderes Ziel inzwischen viel besser zu uns passt.


Genau darin liegt dann möglicherweise eine wichtige Erfahrung:

Nicht das Ziel bestimmt über mich – ich bestimme über mein Ziel.

Das nimmt Druck heraus und lässt Raum für Entwicklung.


Vom Wunsch zum nächsten kleinen Schritt


Ein Ziel zu haben, ist ein guter Anfang.


Damit daraus im Alltag etwas entstehen kann, hilft ein kleiner, konkreter nächster Schritt. Denn ein allgemeiner Vorsatz wie „Ich möchte organisierter werden“ gibt unserem Gehirn noch wenig Orientierung.


Konkrete Pläne machen aus einer Absicht eine Handlung.


Genau diesen Unterschied zwischen Ziel und Umsetzung greift auch die Motivations- und Volitionsforschung auf.


Aus: „Ich möchte entspannter lernen.“ könnte werden: „Wenn ich nachmittags mit dem Lernen beginne, räume ich zuerst alles vom Tisch, was ich gerade nicht brauche.“


Aus: „Ich möchte mich mehr bewegen.“ wird vielleicht: „Nach den Hausaufgaben gehe ich erst einmal zehn Minuten raus.“


Und aus: „Ich möchte mutiger werden.“ kann ein winziger erster Schritt entstehen: „In dieser Woche stelle ich im Unterricht eine Frage, wenn ich etwas nicht verstanden habe.“


Kleine Schritte sind keine kleinen Ziele. Sie sind Wege dorthin.


Ein kleines Ziel-Experiment für den Schulstart


Nehmt euch in den nächsten Tagen einen ruhigen Moment für ein Gespräch.

Nicht mit einem fertigen Ziel für das Kind, sondern mit Neugier.

Ein paar Fragen können dabei Türen öffnen:


🎯 Was wäre dir in diesem Schuljahr richtig wichtig?

🎯 Was würdest du super gern erreichen, auch wenn es außer dir niemand bemerkt?

🎯 Woran würdest du selbst merken, dass sich etwas verändert hat?

🎯 Wie möchtest du dich fühlen, wenn dir das gelingt? 🎯 Was kannst du heute schon, das dir dabei helfen könnte?

🎯 Was wäre ein winzig kleiner erster Schritt?


Und dann das Wichtigste: ZUHÖREN.


Nicht gleich ergänzen und verbessern. Nicht aus einem kleinen persönlichen Ziel ein großes Erwachsenenprojekt machen. Denn das Ziel gehört dem Kind oder Jugendlichen.


Und wenn Nebel aufzieht?

Dann braucht es nicht automatisch mehr Anstrengung. Vielleicht braucht es

  • Orientierung,

  • ein Gespräch,

  • eine Pause,

  • eine neue Idee,

  • einen kleineren Schritt,

  • oder die Erinnerung daran, was einmal „gezogen“ hat.


Florence Chadwicks Geschichte ging übrigens weiter: Sie unternahm später einen neuen Versuch. Wieder kam Nebel auf. Dieses Mal hielt sie jedoch an ihrem inneren Bild der Küste fest und erreichte ihr Ziel.


Das ist eine schöne Botschaft für den Schulstart: Du brauchst nicht den ganzen Weg zu sehen. Es reicht, wenn du weißt, was dir wichtig ist, und du deinen nächsten Schritt findest.


Mein Schulstart-Impuls für dich:


Frage dein Kind in diesem Jahr nicht zuerst: „Welche Note möchtest du erreichen?“, sondern: „Wenn dieses Schuljahr für dich richtig gut läuft, was wäre dann anders?“


Und vielleicht kommt eine Antwort, mit der du überhaupt nicht gerechnet hast. Genau dort könnte ein Ziel liegen, das wirklich zieht. Nicht, weil jemand anderes es erwartet, nicht, weil es im Zeugnis steht, sondern weil es für diesen einen jungen Menschen persönlich wichtig ist.


Und solche Ziele verdienen Aufmerksamkeit.


Ich wünsche euch einen neugierigen und zuversichtlichen Start in das neue Schuljahr. Mit eigenen Zielen, kleinen Schritten und der Freiheit, unterwegs auch einmal die Richtung zu verändern.


Herzliche Grüße

Marlies Ellhardt-Kohn

Bildungshaus Seevetal

© Bildungshaus Seevetal · Marlies Ellhardt-Kohn · 2026

 
 
 

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