Zeugnisse: Was Kinder jetzt am meisten brauchen
- Marlies Ellhardt-Kohn

- 11. Juli
- 3 Min. Lesezeit

In Niedersachsen sind sie schon “am Start”, in Hamburg beginnen die Sommerferien gerade – und mit ihnen halten viele Kinder ihr Zeugnis in den Händen.
Während Erwachsene oft zuerst auf die Noten schauen, beschäftigt viele Kinder und Jugendliche eine ganz andere Frage:
„Was werden meine Eltern sagen?“
Diese Sorge ist häufig viel größer als die Angst und die Bedenken bei einer einzelnen schlechten Note.
Als Lerncoach und Lerntherapeutin erlebe ich jedes Jahr, wie emotional diese Zeit für Familien sein kann. Dabei geht es selten nur um einzelne Fächer wie Mathematik, Deutsch oder Englisch. Meistens geht es um Anerkennung, Selbstwert und die Angst, jemanden zu enttäuschen.
Eine Note beschreibt niemals einen Menschen
Ein Zeugnis zeigt, welche Leistungen ein Kind in einem bestimmten Zeitraum erbracht hat.
Mehr nicht.
Es sagt nichts darüber aus,
wie freundlich ein Kind ist,
wie kreativ es denkt,
wie hilfsbereit es handelt,
wie mutig es Herausforderungen begegnet,
wie viel Anstrengung hinter dem zurückgelegten Weg liegt.
Und schon gar nicht entscheidet eine Note darüber, welchen Wert ein Kind als Mensch hat.
Gerade Kinder ziehen diese Verbindung jedoch häufig heran. Aus einem „Ich habe eine Vier geschrieben.“ wird schnell:
„Ich bin nicht gut genug.“
Deshalb ist die Reaktion der Erwachsenen so bedeutsam.
Der erste Moment bleibt lange in Erinnerung
Viele Erwachsene erinnern sich heute kaum noch an ihre Zeugnisnoten.
Aber sie erinnern sich sehr genau daran, wie ihre Eltern reagiert haben.
War da Verständnis oder Enttäuschung?
Gab es Interesse oder Vorwürfe?
Kinder wünschen sich gerade in schwierigen Momenten vor allem eines:
Die Gewissheit, dass sie geliebt werden – unabhängig von ihrer Leistung.
Diese Botschaft stärkt ihr Selbstvertrauen weit mehr als jede Strafpredigt.
Wenn Enttäuschung da ist
Natürlich dürfen Eltern enttäuscht sein.
Vielleicht hatten sie gehofft, dass sich die intensive Vorbereitung bemerkbar macht.
Vielleicht machen sie sich Sorgen um den weiteren Schulweg.
Diese Gefühle sind verständlich.
Hilfreich wird ein Gespräch jedoch erst dann, wenn die eigene Enttäuschung nicht auf das Kind übertragen wird.
Kinder erleben schulische Misserfolge ohnehin meistens selbst als belastend. Zusätzlicher Druck hilft ihnen in diesem Moment nicht.
Viel hilfreicher ist die gemeinsame Frage:
„Was könnte dir nach den Ferien das Lernen etwas leichter machen?“
So richtet sich der Blick nach vorne und eröffnet neue Möglichkeiten.
Fünf Gedanken für ein stärkendes Zeugnisgespräch
🌿 Erst zuhören, dann spiegeln, antworten und vorsichtig mit Bewertungen!
🌿 Die Anstrengung wahrnehmen – nicht nur das Ergebnis.
🌿 Gemeinsam überlegen, welche Unterstützung hilfreich sein könnte.
🌿 Auch die gelungenen Fächer und persönlichen Stärken in den Blick nehmen.
🌿 Mit Zuversicht statt mit Angst in das neue Schuljahr schauen.
Ferien dürfen auch Erholung sein
Nach einem anstrengenden Schuljahr brauchen Kinder zunächst einmal Abstand.
Ferien sind eine wertvolle Zeit zum Auftanken.
Beim Spielen, Lesen, Toben, Entdecken oder einfach beim Nichtstun verarbeitet das Gehirn viele Erfahrungen der vergangenen Monate.
Neue Kraft entsteht nicht unter Druck.
Sie wächst dort, wo Kinder sich sicher, angenommen und verstanden fühlen.
Mein Impuls für dich
Ich bin mir sicher, dass jetzt ein schöner Moment ist, deinem Kind etwas zu sagen, das lange in Erinnerung bleibt.
Zum Beispiel:
“Ich freue mich, dass du da bist. Die Noten schauen wir uns gemeinsam an. Und egal, was auf dem Zeugnis steht – ich bin an deiner Seite und wir finden unseren Weg.”
Manchmal ist genau ein solcher Satz das größte Geschenk zum Ferienbeginn.
Ich wünsche euch erholsame Sommerferien, viele gemeinsame Momente und einen entspannten Start in eine der schönsten Zeiten des Jahres.
Herzliche Grüße
Marlies Ellhardt-Kohn
Bildungshaus Seevetal
© Bildungshaus Seevetal · Marlies Ellhardt-Kohn · 2026




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